Glück bedeutet, sich selbst
etwas zu schaffen

Inge Muckenhaupt ist Mutter von drei Kindern und die Handwerkerin im Haus. Sie renovierte die Bäder und repariert die Fahrräder

Eigentlich stören sie im Haus nur einige Lampen. „Aber bei einer Familie mit drei Kindern gehen praktische Anschaffungen eben vor", sagt Inge Muckenhaupt und blickt zur hellblauen Porzellanleuchte, die an der Küchendecke baumelt.
Die Lampe hänge dort, seit sie hier wohnen. Ihr Mann habe sie damals gekauft. „Heute wäre ich kritischer", sagt Inge Muckenhaupt. Denn im Haus steckt mittlerweile viel Schweiß von ihr. Über die Jahre renovierte sie ihre drei Badezimmer - flieste sie und mauerte eine Trennwand. „Hier hätten die Fliesen gleichmäßiger sein können", sagt sie in dem Bad und weist auf eine fast tadellose Stelle. Aber sie darf das über sich sagen. Wenn andere mäkeln, mag sie das nicht. Als sie jetzt die Leitung eines Lichtschalters flickte und grünes Isolierband verwendete, war der erste Kommentar ihres Mannes, warum sie nicht das schwarze genommen hätte. „Zuerst wäre doch mal ein Lob angebracht gewesen", meint sie und lächelt. Aber Ralf lasse sie machen. Das ist ihr wichtig. „Glücklich bin ich nicht nur mit meinem Partner, sondern weil ich mir selbst etwas schaffe."
Inge Muckenhaupt würde gut in die Werbung eines Baumarktes passen, der mit dem Slogan „Mach's wie Du willst! Aber mach's!" wirbt.
Das Haus der Muckenhaupts ist an einem leichten Hang gebaut. Auf der einen Seite sind Haustür, ein Gästezimmer und das Treppenhaus, die andere liegt im Erdreich und dient als Keller. Über eine Holztreppe geht es eine Etage höher, aber für die Familie befindet sich hier eigentlich das Erdgeschoss - mit Küche, Wohnzimmer, Bad und den Zimmern der beiden Jungs.
Beim Rundgang durchs Haus meint Inge Muckenhaupt, dass sie nicht modisch sei, aber auch nicht dem Alten nachhänge. Ein kleines Schränkchen fand sie vor kurzem auf dem Sperrmüll und sie besuche gerne Flohmärkte, auf denen Privatleute und keine professionellen Händler etwas verkaufen. Die letzte Beute: „Hilfe, Otto kommt!" Eine Platte mit umgedichteten Songklassikern.
Auch die dunkelblaue Ledergarnitur im Wohnzimmer haben sie von einer Freundin übernommen. Jäger und Sammler eben - kein Ikea, kein Design. „Letzten Samstag saßen wir mit Freunden im Wohnzimmer und haben Otto gehört", sagt Inge Muckenhaupt. „Seltsam, oder?"

Die Holztreppe ächzt

Auf der Fensterbank Grünpflanzen, an der Wand ein weißes Klavier und darüber ein von der Tochter gemaltes Bild - ein bunter Strudel. Das Klavier braucht Ralf Muckenhaupt zum Üben. Er arbeitet neben seinem Job als Lehrer für Pflegeberufe als Organist.
Vom Flur ab geht es zu den Zimmern der beiden Jungs. In Jonas Raum hängt ein Plakat von Slayer. Der 17-Jährige ist Metal-Fan und auch sonst immer auf der Suche nach neuer Musik. Hendrik ist elf Jahre alt und hat sich die Wände mit Zeichnungen verschönert. Momentan schläft er lieber bei Wencke im Zimmer. „Da ist es gemütlicher und wärmer." Fragt man ihn, ob es nicht einfach schön ist, bei der Schwester zu schlafen, grinst er und guckt auf den Boden.
Über eine weitere Holztreppe, die unter den Füßen ächzt wie alte Bootsplanken, kommt man in die zweite Ebene des Hauses. Oben befinden sich ein weiteres Bad, das Schlafzimmer der Eltern und der Raum der Tochter. Das Zimmer der 15-Jährigen ist tapeziert mit Bildern von Mary-Kate und Ashley Olsen. „Ich mag die beiden, weil sie schon so früh mit der Schauspielerei angefangen haben." Sie starteten ihre Karriere als Babys in der Serie „Full House".
Im Schlafzimmer der Eltern stehen Doppelbett und Kleiderschrank, ein Regal mit Büchern und an der Decke hängt eine Papierlampe mit Regenbogen und Wolken. Das Fenster ist offen, es ist kalt.
Rechts von der Treppe geht es zum Dachboden. Versteckt hinter trocknender Wäsche steht der alte Wohnzimmerschrank der Eltern. „Ich konnte das alte Service nicht wegschmeißen", sagt Inge Muckenhaupt als sie eine Tür öffnet. In einer anderen Ecke Kisten mit Büchern und Spielsachen, ein Sessel und ein alter Globus.
1967 bauten ihre Eltern das Haus. Sie brauchten Platz für ihre drei Kinder. Der Vater war Jurist und konnte sich die Investition leisten. Inge Muckenhaupt war da acht Jahre alt. Zwischen zwei Brüdern geboren - so wie ihre eigene Tochter. 1982, nach ihrer Ausbildung als Rechtsanwaltsgehilfin beim Vater und einer zweiten als Physiotherapeutin, wurde es der Tochter im Kreis Olpe zu eng. „Ich wollte selbstständig sein und etwas Neues ausprobieren." Hier fehlte ihr das Kulturelle, hier war es ihr zu verschlafen. Für elf Jahre lebte und arbeitete sie in Frankfurt. Reste aus diesem Leben finden sich im Haus. Das Klavier im Wohnzimmer und der Sessel auf dem Dachboden. Die anderen Hinterlassenschaften sind Erinnerungen.
Inge Muckenhaupt hängt dieser Zeit nicht nach. Nur wenn sie es alleine entscheiden könnte, würde sie vielleicht noch einmal ganz woanders hinziehen. Aber ihr Mann wolle das nicht und sie denkt an ihre Kinder, die sich von ihren Freunden trennen müssten. Als Ralf Muckenhaupt später nach Hause kommt und in die Töpfe auf dem Herd schaut sagt er: „Man kann sich auch in der miesesten Gegend wohlfühlen, wenn man dort Freunde und gute Nachbarn hat." Das heiße aber nicht, dass sie hier in einer miesen Gegend leben.

Die Küche als Zentrum

Wenn die Familie zusammenkommt, dann in der Küche. Früher stand in den Häusern nur in der Küche ein Ofen und an dem versammelte man sich. Auch in Zeiten der Heizung bleibt die Küche das Zentrum. „In meiner Kindheit war das auch so", sagt Inge Muckenhaupt. „Und heute ist das auch der Ort, an dem wir uns begegnen."
Hier steht ein großer Tisch, die Küchenzeile ist mit einer Anrichte abgetrennt und eine lange Schrankwand dient als Stauraum. Unter der blauen Porzellanlampe sitzen Wencke und Hendrik. Jonas zieht sich meistens in sein Zimmer zurück. „Seit zwei Jahren nabelt er sich ab", erklärt die Mutter. Und das sei für sie in Ordnung. Kurz kommt er dann doch und setzt sich zu uns. „Für ein paar Stunden am Tag bin ich schon hier", sagt er. „Na, ein paar wenige Stunden", entgegnet die Mutter und lächelt ihren Sohn an. Und jetzt muss er auch los, zur Fahrschule.
1990 bekam Inge Muckenhaupt Jonas. Ihren Mann Ralf hatte sie 1989 geheiratet. Er war es auch, der damals wieder in die Heimatregion zurückwollte. Er bekam einen Job in Siegen, pendelte zuerst zwischen Frankfurt und Olpe. Mit der Geburt von Wencke zog die Familie 1993 ins Elternhaus nach Friedrichsthal.
Es gab noch einen anderen Grund. „Meine Mutter hatte Alzheimer bekommen und mein Vater schaffte es nicht mehr alleine", erzählt Inge Muckenhaupt. „Es war auch ein gewisser Zwang." Andererseits habe die Zeit in Frankfurt ausgereicht.
Inge Muckenhaupt zeigt später noch eine kleine Bildergalerie ihrer Mutter, die unten neben dem Gästezimmer hängt. Auf dem letzten Bild gibt der eineinhalbjährige Hendrik der Oma Essen mit einem Löffel. Sie ist gezeichnet von der Alzheimerkrankheit. „Ich will auch diese Lebensphase meiner Mutter in Erinnerung behalten", sagt Inge Muckenhaupt. Sie will nichts verstecken.
Auch wenn sie jetzt hier gemeinsam in der Küche sitzen, wird die gemeinsame Zeit weniger. In den Urlaub komme nur noch Hendrik mit. Wencke fährt diesen Sommer zum zweiten Mal mit einer Freundin weg, und Jonas verbringt die Ferien zu Hause. Inge Muckenhaupt will den Kindern ihre Freiheit lassen und klammert nicht. „Für mich ist es befriedigend, wenn sie etwas vorhaben." Dass ihre drei Kinder auf die Hakemicke-Hauptschule gehen, mache ihr keine Sorgen. „Jeder bekommt eine Chance, wenn er will." Das vermittelt sie ihnen. Ihre Kinder sollen selbst etwas wollen und sie lehne es ab, ihnen das Lernen einzuprügeln.
Das Garagentor klappert, kurz danach steht Ralf Muckenhaupt in Trainingshose und mit Schweiß auf der Stirn in der Küche. Aus gesundheitlichen Gründen muss sich der 50-Jährige viel bewegen und fährt zur Arbeit nach Siegen oft mit dem Fahrrad. 23 Kilometer. Heute brauchte er die Rückfahrt auch, um sich auszupowern. Er hatte sich bei seiner Arbeit geärgert.
Auch Inge Muckenhaupt arbeitet drei Vormittage pro Woche in einer Praxis für Physiotherapie. „Aber ich bin auch sonst nicht zu Hause und drehe Däumchen bis die Kinder kommen." Sie engagiert sich bei der Kolpingsfamilie und spielt seit neun Jahren in einer Frauenmannschaft Fußball. „Mein Mann hat oft seine Arbeit im Kopf", sagt sie. „Ich bin vielleicht etwas freier."

Sie träumt, zu schreinern

„Zufrieden?", fragt Inge Muckenhaupt zurück. „Ja, ich bin zufrieden." Sie habe gesunde Kinder, ein schönes Haus und könne ihre Freizeit nutzen. Aber noch einmal etwas ganz anderes zu machen, würde sie doch reizen.
„Ich könnte mir vorstellen, ein- oder zweimal in der Woche einem Schreiner auszuhelfen", sagt sie. Andererseits will sie auch nichts machen, was den Lebensrhythmus der Familie komplett verändert. Kleine Ziele reichen ihr. Auf die Gesundheit achten, ins Theater und auf den Flohmarkt gehen, Freunde treffen. Aber es muss vorwärts gehen. „Wenn ich spazieren gehe, nehme ich ungern denselben Weg zurück."

Zurück zur Übersicht

 

 

Fotos: Tim Meyer

© Westfalenpost, 18. Juli 2008